Dem „Blanken Hans“ auf der Spur

Wolken, Wellen, Weite und ganz viel Wind in Sylt

Sylt, Dünen und Meer

Der „Blanke Hans“ zeigt sein Gebaren, noch bevor wir den ersten Fuss auf Sylt gesetzt haben. Auf dem Hindenburgdamm peitscht der Regen gegen die Fensterscheiben des IC-Zuges und draussen tobt das Meer. Keine sehr freundliche Begrüssung. Die Fahrt von Hamburg durch die flache Landschaft vorbei an Getreidefeldern und Windrädern Richtung Sylt kommt uns eher vor wie eine Reise ans Ende der Welt. Ist es ja eigentlich auch. Danach kommt nichts mehr, nur noch das offene Meer. Und genau deshalb zieht es zur Ferienzeit Abertausende an diesen Sehnsuchtsort. Vor allem Deutsche, immer öfter auch Schweizer, seit es ab Zürich in der Sommersaison Direktflüge gibt.

Gut möglich, dass manche die Nordseeinsel bereisen, um in den Szenenlokalen Sansibar, Pony, Gogärtchen oder Kupferkanne das Jetset-Leben zu geniessen oder in den Luxusboutiquen in Kampen oder Keitum zu shoppen. Es gibt aber noch einen anderen Grund, Sylt zu bereisen. Schliesslich lockt hier eine überaus reiche Natur – eigentlich fast überall auf der 38,5 Kilometer langen Insel, aber insbesondere im Norden in List, rund um das Rantumer Becken und im Süden um Hörnum. Diese wollen wir erleben und die Seele der Insel entdecken und spüren.

Moin, moin!

Also geht’s zuerst vom Fischerdörfchen Keitum vorbei am mondänen Kampen nach List, wo wir Diane Seidl treffen. „Moin, moin“, begrüsst die Meeresbiologin die Teilnehmer der Dünenwanderung, auch wenn der Morgen schon längst vorüber ist. „Moin“ hat auch nichts mit einer morgendlichen Begrüssung zu tun, erfahren wir, sondern leitet sich vom alten Seefahrergruss „Mojen Wind“ (guten Wind) ab.

In Einerkolonne folgen wir Diane Seidl, denn auf unserer Wanderung durch die Dünenlandschaft ist es verboten, seinen Fuss neben den Weg zu setzen. Schliesslich durchschreiten wir gerade den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, den grössten in Mitteleuropa. Seit 1985 ist der ganze Bereich zwischen der deutsch-dänischen Grenze und der Elbemündung in der höchsten Schutzgebietskategorie.

Lister Wanderdünen

Bereits ab 1923 wurden auf Sylt einzelne Gebiete nach und nach unter Schutz gestellt. Davor ritten die Sylter noch quer über die Heide, sammelten in den Dünen Möweneier und pflückten Stranddisteln als Souvenirs. Bis Anfang der 1920er Jahre priesen Sylter Reiseführer gar „das Spazieren und Rasten in den Lister Wanderdünen“. Der Schriftsteller Gerhard Hauptmann schwärmte von diesen: „Es ist hier wie auf den Gletschern eines Hochgebirges.“ Seit Sommer 2009 gehören nicht nur sie, sondern auch das Wattenmeer vor der Insel zum UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer. So sind mittlerweile gut 50 Prozent der rund 100 Quadratkilometer grossen Insel Schutzzone.

Karg und rau ist die Landschaft heute noch. Wir fühlen uns eher wie auf dem Mond als auf einem Gletscher. Wilde Tiere entdecken wir auf dieser Expedition nicht. Aber Diane Seidl zeigt uns, dass diese wüstenartige Landschaft durchaus lebt. „Diese Löcher hier etwa sind eine Art Hotels für Kröten.“ Später als wir über den Mövenberg-Deich Richtung Ellenbogen der Küste entlang wandern – oder vielmehr gegen den Wind ankämpfen -, kommt uns das Meer bei Ebbe ein bisschen wie eine riesige Schlammpfütze vor. In Wirklichkeit aber soll sie eine regenerative und ganz ökologische Wasseraustausch- und Filteranlage für die Nordsee sein. Jedenfalls wimmelt es um das Inselchen Uthörn nur so von Zugvögeln, die hier Zwischenhalt auf ihrem Weg nach Süden oder Norden machen. Pfuhlschnepfen, Knutt oder Alpenstrandläufer finden im Watt eine reichhaltige Tankstelle.

Frische Austern und sonnenbadende Seehunde

Das Wasser muss gut sein hier, denn in der Blidselbucht vor List gibt es sogar Austernbänke. In Deutschlands einziger Austernzucht reifen jährlich zwischen zwei und drei Millionen dieser exklusiven Muscheln heran, die man unter dem Label „Sylter Royal“ geniessen kann. Am besten natürlich direkt im gemütlichen Bistro bei Dittmeyer’s Austern-Compagnie. Frischer sind sie nirgends.

Nicht zum Essen, dafür zum Bestaunen sind die Seehunde, die wir am nächsten Tag auf einer Rundfahrt auf dem Schiff vor Hörnum an der Südspitze der Insel sichten können. Phlegmatisch suhlen sie sich in der Sonne und frönen dem Nichtstun. Wer diese Tiere aus nächster Nähe betrachten will, muss sich einfach eine Weile an den Hörnumer Hafen stellen. Dort hat Willy, der eigentlich ein Weibchen ist, sein Zuhause. Mit einem frischen Hering macht man ihn richtig glücklich.

Nochmals kurz zurück zu den Wanderdünen, die wir am Vortag in List nur von weitem bestaunen dürfen. Dennoch ein besonderes Schauspiel: Je nach Licht leuchten sie fast weiss. Der Wind hat hier als Zen-Meister gewaltet und sie mit filigranen Mustern überzogen. Kaum zu glauben, dass diese riesigen Buckel jährlich bis zu zehn Meter nach Osten wandern. Aber da ist auch der „Blanke Hans“ (die bildhafte Bezeichnung für die tobende Nordsee bei Sturmfluten), der an der Insel nagt und jährlich 1 bis 4 Meter von der Westseite der Insel abträgt. Die Insel verändert sich somit dauernd, verliert jedes Jahr rund eine Million Kubikmeter Sand. Was das für die Insel und ihre Bewohner bedeutet, ist für die Sylter ein omnipräsentes Thema. Irgendwann einmal werde es die Insel nicht mehr geben, sagen manche. Um das zu verhindern, werden seit 1976 Sandaufspülungen durchgeführt. Mit einem Spülschiff wird aus einem 8 Kilometer vor der Küste liegenden Gebiet Sand entnommen und dann an den Sylter Strand gepumpt.

Uwe und die Odde

Die Dimensionen dieser Naturgewalten kann man besonders gut vom einzig begehbaren Leuchtturm in Hörnum aus bestaunen. Leuchtturmwächter Knut Remmer, der uns im Sylter Dialekt Sölring empfängt, weiss dazu noch einige launige Geschichten zu erzählen, als wir die 138 Stufen des Turms erklimmen. Wie klein die nördlich gelegene Uwe-Düne – immerhin mit 52 Metern Sylts höchste Erhebung – von hier oben wirkt. Die reetgedeckten Häuser zwischen den Dünen erinnern uns an ein Hobbitland. Selbst das rote Kliff vor Kampen, vor dem wir kurz zuvor noch beeindruckt standen und den Sand schaufelnden Arbeitern bei ihrer Sysiphos-Arbeit zuschauten, ist plötzlich ganz niedlich. „Und dort die Odde“, zeigt Knut Remmer Richtung Süden. „Früher brauchte man 3 Stunden, um Sylts Südspitze zu umrunden, heute nicht mal mehr eine Stunde.“ Dieser Fragilität der Insel wird man sich so richtig bewusst, wenn man die Odde abläuft, durch den Sand stapft, vorbei an den Buhnen und Tetrapoden, die den „Blanken Hans“ aufhalten sollen. Bei all dieser eindrücklichen Naturpracht vergessen wir glatt, dass Sylt noch eine andere Seite hat.

Bildnachweis: Sylt Marketing

erschienen am 25.06.2017 von Silvia Schaub

Tags: , ,

Anreise

April bis Oktober fliegt Air Berlin von Zürich direkt nach Sylt-Westerland, jeweils samstags und sonntags, www.airberlin.com. Die Swiss fliegt ab Juni bis Ende September jeweils samstags und dienstags ebenfalls direkt nach Sylt-Westerland, www.swiss.com. Im Winterhalbjahr bestehen mehrere Flugverbindungen pro Woche von Zürich via Düsseldorf nach Sylt. Ganzjährig ist Sylt mit der Bahn via Hamburg erreichbar.

Allgemeine Infos

Auf der Insel kann man sich ideal mit dem Velo fortbewegen (rund 200 km Radwegnetz). Die Linienbusse der Sylter Verkehrsgesellschaft verbinden alle Inselorte miteinander (www.svg-sylt.de). Weitere Infos: www.sylt.de

Literatur

Sina Beerwald, 111 Orte auf Sylt, die man gesehen haben muss (Emons-Verlag); Vera Bachernegg, Katharina Maria Zimmermann, Eat Bike Live.

Perfekt für Partynudeln, Müssiggänger und Naturliebhaber

Aufgefallen Auf Sylt ist alles nur einen Katzensprung entfernt

Unser Tipp Eine Watt- und eine Dünen-Wanderung in Sylts Norden bei List

Hotels

Kamps Hotel & Café in Keitum, kleines gemütliches Mittelklasse-Hotel, das auch noch eine Galerie beherbergt; DZ ab 109 Euro, www.kamps-sylt.de. Hotel-Golf & Spa Budersand, modernes 5-Sternehotel in Hörnum; DZ ab 350 Euro, www.budersand.de.

Restaurants

Keitum: Kleine Küchenkate, gute und frische regionale Küche; Kleine Teestube, köstliche Friesentorte und Waffeln und eine grosse Tee-Auswahl; Pius, charmante Weinstube mit über 300  Top-Sorten. Hörnum: Café Lund, alteingesessenes Café mit regionaler Kost und Kuchenspezialitäten; Strönholt, Design-Restaurant mit kreativer Bistroküche oberhalb des Hafens. List: Dittmeyers‘ Austern-Compagnie, frische Austern.

Diese Reise wurde unterstützt von Railtour Suisse, Air Berlin und Sylt Marketing.